Maja Sterns Flirt-Blog

Mein ganz privater Flirt Blog

Ich habe ihm meine Nummer gegeben. Ich bin ewig in meinem Badezimmer auf und ab gelaufen, weil ich den Gedanken nicht ertragen konnte, jetzt bald doch endlich ein bisschen mehr Wahrheit über Le Boy zu erfahren. Naja. Dann habe ich mir die Füße gepeelt, mir French Manicure gemacht, ein Brot mit Avocado-Creme gegessen, durch den Fernseher gezappt, meine Fenster geputzt, meinen Schreibtisch sauber sortiert – nichts da. Kein Anruf. Nicht mal eine SMS. Absolute Totenstille. Dann habe ich mir eine Flasche Wein aufgemacht und vor mich hingestarrt.

Ist Le Boy vielleicht ein genauso großer Flopp wie alle anderen? Ich meine, er besitzt ein * männliches * Geschlechtsorgan, was schon darauf hindeutet, dass wir psychologisch gesehen nicht kompatibel sind. Oder hat da jemals eine Frau etwas Anderes erlebt? Jetzt bin ich schon wieder bei meinen ganzen Vorurteilen. Na ja, nachdem ich dann Urzeiten lang die Wand angestarrt hatte, habe ich mir ein Bad einlaufen lassen und meine hübschen Badeperlen reingetunkt. Gerade, als ich nackt war und in die Wanne steigen wollte, hörte ich das Telefon in meiner Küche klingeln – und war absolut nicht gut gelaunt dabei.

Es war Le Boy. Gerade, als ich feststellte, dass seine Stimme die eines Rentners war und auch ein leises Parkinson-Zittern hatte, blickte ich auf meinen Fußboden und sah eine riesige Spinne, die quer durch meine Küche krabbelte. Wunderbar. Ich war nicht nur nackt, frierend, schlecht gelaunt mit einer French Manicure, die vom Putzen wieder halb ab war – sondern auch noch im Begriff, meine ganzen Hoffnungen über Bord zu werfen UND in Kompanie einer Spinne.

Ich glaube, dass ich in einem Horrorfilm gelandet bin. Ich habe Le Boy die besagte E-Mail geschrieben und es kam etwas zurück, das viel zu … viel zu gut war. Zu gut zum Ernstnehmen. VIEL zu gut.

„Liebe Maja,

es macht gar nichts, dass du Angst hast vor dem, was vor uns liegt. Ich habe auch oft Angst, etwas Falsches zu sagen und irgendwelche Gefühle auszulösen, deren Auswirkungen unabschätzbar sind. Offensichtlich habe ich dich in eine missliche Lage gebracht durch mein Verhalten – und es tut mir aufrichtig Leid. Wahrscheinlich war ich zu sehr damit beschäftigt, meinen eigenen Charakter preiszugeben in der Hoffnung, bei dir auf Gefallen zu stoßen – anstatt meine Ohren aufzustellen und durch Zuhören zu erfahren, wer DU eigentlich bist.

Ich hoffe innigst, dass dies nicht unser letzter Kontakt war. Entschuldige bitte.“

Oh mein Gott! Oooh mein Gott! Ein Mann, der Kritik vertragen kann. Ein Mann, der Kritik gleich umsetzen kann! Oh mein Gott, er ist bestimmt schwul!

Warum antwortet ein schwuler Mann auf eine heterosexuelle Anzeige? Und sollte ich ihn endlich anrufen? Sollte ich vielleicht einfach so viel Mut zur Ehrlichkeit (oder auch zur Lüge) einfach belohnen und meine Nummer hinterlassen – in der nächsten Mail – und abwarten, was passiert? Einen Schritt nach vorne wagen, oder es doch lieber lassen?

Viel schlimmer kann es ja nicht werden.

Übrigens, was die anderen Männer betrifft – ich habe ein paar Perlen heraussortiert, die ich nebenbei noch hüte. Aber es hat sich keiner als Prinz im Fröschköniganzug herausgestellt. Sie sind am Ende alle recht einsiblig, gleich und langweilig.

Jetzt ist es so weit. Le Boy ist eindeutig gruselig geworden. Er schickt mir viel zu wundervolle E-Mails – und ich kann das gar nicht ertragen. So viel Gutes! Ich weiß nicht recht, wohin damit, und wie das Ganze jetzt weitergehen soll. Ich meine, was habe ich dem Guten denn zu bieten? Ich habe mich bisher noch nie Großartig mit Liebesgedichten beschäftigt und erstrecht keine Auswahl meiner Lieblinge diesbezüglich. Und nein, ich habe auch noch nichts von Rilke gelesen. Und ehrlich gesagt hasse ich Spazieren gehen, weil ich nicht finde, dass man dabei „am besten nachdenken kann“. Ich finde eher, man stampft blöd vor sich hin und wird im Schlimmstfall von anderen Leuten beglotzt. Also was soll das? Warum habe ich Mr. Perfect gefunden und mag ihn jetzt kaum noch? Ich fühle mich richtig minderwertig ihm gegenüber. Was soll ich denn von meinem Leben erzählen – zur Zeit dreht es sich (privat) hauptsächlich um Kosmetik und die beste Anti-Falten-Pflege. Langsam wird’s nämlich Zeit für mein Gesicht! Und für meinen Hals. Und für mein Dekoltée. Ach, wie traurig! Er beschäftigt sich mit den wahren Dingen des Lebens und ich … beschäftige mich mit der Konfrontation der Vergänglichkeit und mache Panik.

Was mache ich mit Le Boy? Am besten schreibe ich ihm einen ganz ehrlichen Brief: dass ich zwar einen Gentleman wollte, aber selbst nicht so graziös hochgestochen bin, sondern viel einfacher gestrickt. Und dass es mir Leid tut, wenn ich ihn damit enttäusche. Na toll. Klingt ja super. Ganz klasse.

Wie sich herausstellt, haben die Menschen heutzutage nichts anderes zu tun, als sich auf ihren überfetteten Popo zu setzen und hassvolle Briefe an arme, eigentlich-Leidensgenossen zu schreiben. Was soll das? Hat niemand verstanden, dass die Anzeige lustig gemeint war?

Oder – was heißt eigentlich „Briefe“? Als wären wir so altmodisch und würden es auf die klassische Art und Weise tun. Nein, nein, nein. Hier handelt es sich um e-Mails! Ich werde übers Internet terrorisiert!

 

Die offensichtliche Unfähigkeit, Ironie zu verstehen, erschlägt mich jedes Mal aufs Neue, wenn ich ihr begegne. Aber so viele? Hier ist ein kleiner Auszug:

 

„Sag’ mal, spinnst du eigentlich? Wie naiv bist du? 14-jährige dürfen hier keine Anzeigen aufgeben, du hast uns belogen. Wissen deine Eltern, was du hier verzapfst? Auch eine Art und Weise, Pädophile anzulocken.“

 

„Wenn du wirklich denkst, dass du die Qualitäten hast, einen solchen Mann zu halten, dann bist du ganz schön arrogant.“

 

„Du bist eine Unverschämtheit. Ich glaube nicht, dass du solch einen tollen Kerl verdient hättest. Schließlich hättest du ihn sonst schon längst gefunden. Jedem das, was er verdient.“

 

Ich bin ganz ‚aus dem Häuschen’. Woher stammt denn diese rasende Eifersucht auf meinen Einfallsreichtum? Nur, weil die ganzen anderen Anzeigen absolut oben ohne dastehen, was Kreativität angeht, heißt das ja nicht, dass man gleich Wort-handgreiflich werden muss. Ich habe auch Gefühle. Aber ein netter Brief war immerhin dabei. Da hat sich jemand darüber ausgelassen, dass solch eine Anzeige bestimmt schon lange nicht mehr aufgegeben wurde, dass ich sicher jemanden ‚alter Schule’ suche und dass diese Person mit der Hoffnung herumgeht, ich würde doch einen Mann finden, der dies alles erfüllen kann, damit wir dann wenigstens ein kleines Märchen auf dieser grauen Welt finden.

Meine allerbeste Freundin… war schon vor einigen Tagen Thema Nummer eins. Das hat sich wenig geändert. Aber sie hat sich eindeutig geändert. Ich glaube, dass sie jetzt tagsüber zur Flasche greift. Ständig versucht sie, mich dazu zu überreden, „mit in die Disse“ zu kommen. Dieser Begriff ist doch absolut veraltet und nur in 80er Filmen auffindbar! In sehr, sehr schlechten 80er Filmen. Ich konnte die 80er noch nie gut leiden.
Naja, und so ‚sorge ich mich um sie’, beziehungsweise: ich versuche, sie davon abzuhalten, innerhalb der nächsten Wochen HIV + zu werden, denn wenn sie so weitermacht, bekommt sie alle möglichen anderen Geschlechtskrankheiten noch dazu! Sie ist jetzt „auf der Jagd“, wie sie sagt – denn ihr „Leben war mit diesen drei Jahren absolut vergeudet, und er hat sowieso nur Lügen erzählt!“. Ich frage mich, ob sie irgendwann, wenn denn mal ein anderer Mann auftaucht – auch wirklich mit ihm in die Kiste springt. Als würde sie das wirklich fertig bringen!
Männer, die Frauen verlassen, richten da ganz schön etwas an in deren Leben. Aber hallo! Ich würde ihm jetzt selbst am liebsten den Hals umdrehen. Wobei, hat er sie verlassen? Oder sie ihn? Oder beide einander? Sie erzählt mir jedes Mal eine andere Story. Es ist so traurig. Ich glaube, sie weiß selbst nicht, was passiert ist. Und jetzt rastet sie absolut aus. Soll ich die beste Freundin sein, und mit in die Disse? Oder soll ich Mama sein und Ärztin zugleich, und sie vor Schlimmem bewahren? Und KANN ich das überhaupt?