„Hallo“ ?
Meine beste Freundin meldet sich und fragt mich, was los ist….Immer wieder dasselbe, jetzt erkläre ich Ihr was passiert ist, und sie weiß natürlich sofort wieder was das Beste für mich ist. Darauf habe ich nun ehrlich keine Lust, aber es ist ja immerhin meine Freundin…Sie sagt, sie habe in der Stadt einen total tollen Typen kennengelernt, der Ihre Einkaufstüte runtergeschmissen, und sich hinterher vollkommen lieb darum gekümmert hat, das die ganzen Lebensmittel wieder im Beutel verschwinden….
Er hat sie zum Essen eingeladen, und sie weiß nicht, wie sie reagieren soll…Ich finde das schon dreist. Kaum habe ich mit meiner Vergangenheit und meiner verflossenen Liebe abgeschlossen, hat meine Beste Freundin nichts Besseres zu tun, als mir von Ihrer Einkaufs-Pannen-Bekanntschaft vorzuschwärmen. Ich lege meine gute Miene auf und sage Ihr, dass sie Ihn doch gerne treffen soll, warum auch nicht, vielleicht hat sie mehr Glück als ich…. Er ist so lieb, so nett, so unbeschreiblich hübsch. Blaue Augen, herrliche braune Haare und Haut wie Seide. Wie schön für Sie, denke ich, wie schön, da gilt nur eins, sich mit Ihr freuen, und sie zu motivieren sich selbst in Sachen Liebe einen „Tritt in den Allerwertesten zu geben.„ Sie schwärmt und schwärmt und ich fluche innerlich. Wieso geht es jedem gut, nur mir nicht? Ich heule vor Wut, irgendwie dreht sich bei mir alles im Kreis, immer hin, und her … Wutendbrand brülle ich Sie an: „ Mach doch, was du willst, werde doch glücklich mit deinem ach so tollen Hero… Und schon schmeiße ich das Telefon auf die Station!
Piep, piep! Mein Wecker klingelt, klingelt und klingelt. Ich drücke ihn aus, und stoße mir den Kopf – Aua.
Am liebsten würde ich noch liegen bleiben, es ist schließlich erst 8 Uhr, aber nein, wer schaffen will, muss fröhlich sein, und ich habe mir ja nun wirklich Einiges vorgenommen. Erster Blick aus dem Fenster. Ich stoße einen Jubelschrei aus- Ja, kein Schnee, mein Tag ist gerettet und meine neue Wohnung hoffentlich auch. Ich brauche einen Kaffee, sonst bin ich kein Mensch. Eine halbe Stunde später sitze ich in meinem Wagen, angeschnallt und fertig zur Abfahrt, stecke den Schlüssel ins Zündschloss und….. NEIN! NEIN! Mein Wagen rattert und rattert. Mist. Spring an, schreie ich, spring an, du verdammtes Auto. Ich habe mich wohl zu früh gefreut. Mein Wagen lässt mich heute im Stich, ich komme hier nicht weg, ich sitze fest….. dabei habe ich mich doch so auf die Wohnungsbesichtigung gefreut, wieso denn gerade jetzt? Wieso ich? Es ist ja gerade so als würde ich HIER schreien, wenn ein Problem vor der Tür steht. Hier her, hier her Ihr Probleme, seht Ihr nicht mein T-Shirt auf dem PROBLEM ganz groß geschrieben steht? Okay, ja, gute Idee, ich stelle mein Auto ab und lege mich wieder ins Bett, da kann ich wenigstens kein Unheil anrichten ….
Ich werde ein Jahr nicht mehr aus meinem Bett auftauchen, immer unter der Decke liegen bleiben und warten das was passiert, sich mein Leben von selbst regelt und mich jemand am Ärmel zupft….ich bin ja anscheinend selbst nicht in der Lage die kleinsten Dinge alleine hinzubekommen.
Als ich heute Morgen aufgewacht bin und meine Rollos hochgezogen habe, da traute ich meinen Augen nicht! Soviel Schnee habe ich in heimischen Gefilden ja schon ewig nicht mehr gesehen. Schnell kamen Kindheitsgedanken auf, wie ich mit meinem Bruder auf der Straße und in unserem Garten Schneemänner gebaut habe und Schlitten gefahren bin. Doch beim Stichwort Schlitten schoss mir sofort durch den Kopf, dass mit mir jemand auch ohne Schnee Schlitten fährt. Nämlich Paul. Aber ich habe mir vorgenommen, nicht mehr an ihn zu denken. Schließlich setze ich jetzt ganz andere Prioritäten und kümmere mich um eine neue Wohnung. Dahingehend habe ich heute schon einige Telefonate geführt und es hätte sogar die Möglichkeit gegeben, sich schon ein paar Sachen anzusehen. Doch da ich für mein Auto blöderweise noch keine Winterreifen organisiert habe, konnte ich mein Gefährt heute leider nicht auf die Straße schicken, schließlich lagen vor meiner Einfahrt noch rund 15 cm Schnee und auch die Straßen sahen aus wie in der Schweiz und in Österreich, aber nicht wie in Deutschland. Kurzum: wenn das morgen nicht besser wird, muss ich mir eben Winterreifen kaufen, damit ich auch die etwas weiter weg gelegenen Wohnungen endlich besichtigen kann. Denn mit der neuen Wohnung soll auch endlich ein neues Leben beginnen, ich möchte mich von alten emotionalen Bindungen endlich lösen, um wieder richtig durchatmen und durchstarten zu können! Genutzt habe ich den Tag dann für einen ausgiebigen Spaziergang, wobei dann erneut die Kindheitsgedanken durch den Kopf schossen. Wie unbekümmert man doch damals noch war…Doch das ist – wie Paul – Schnee von gestern!
Na, das war ja wohl der totale Reinfall gestern Abend. Da läuft man stundenlang durch die Stadt, holt sich tolle Klamotten und schöne Sachen zum Schminken, macht sich Ausgehfein vom besten und trifft nur auf Hohlköpfe! Mann, Mann, Mann, Mann, Mann! Gestern hab‘ ich erst mal wieder gemerkt, wie beschissen doch diese Männerwelt ist. Meine Freundin und ich kamen am Ende zu dem Schluss, dass man tatsächlich besser lesbisch werden sollte. Sind denn eigentlich nur noch geistige Dünnbrett-Bohrer mit männlichen Glied unterwegs? Allein schon diese dummen Anmachsprüche: „Na, hab‘ Dich hier noch nie gesehen! Bist du neu in der Stadt? Ich würde Dir die Sterne vom Himmel holen!“ Bla, bla, bla. Nee, da schneid‘ ich mir beim Austern öffnen lieber wieder mit dem Küchenmesser in die Hand und lass‘ mich weiter von Paul anschreien. Der hat wenigstens Stil. Und Niveau. Fingerspitzengefühl hat er auch nicht erfunden, aber die Kerle, die wir da gestern getroffen haben, für die gibt es diese Begriffe Niveau, Stil und Fingerspitzengefühl wahrscheinlich gar nicht. Die leben doch noch in der Steinzeit! Glauben doch tatsächlich, wenn sie ein Weib treffen, dass sie dieses automatisch mit ihre Höhle schleppen können. Aber so haben wir natürlich nicht gewettet! Deshalb habe ich mich jetzt erst mal dazu entschlossen, mich von der Männerwelt eine lange Zeit fernzuhalten. Ich werde mich jetzt total auf die Wohnungssuche fokussieren, diese schön einrichten, es mir richtig schön gemütlich machen und dann kommt auch schon der Frühling. Wenn dann die ersten Maiglöckchen sprießen und blühen, dann sieht die Sache schon wieder ganz anders aus. Wozu braucht man eigentlich Männer…?
Endlich sind diese Feiertage vorbei. Heute war ich mal wieder nach langer Zeit nach Herzenslust shoppen. Ich würde es fast Frustschoppen nennen, denn nachdem ich Silvester mit Paul so auseinander gegangen bin, geht es mir dementsprechend schlecht. Ich habe zwar schon längst versucht mich von ihm emotional zu trennen, aber es klappt einfach nicht. Deswegen bin ich aber heute morgen aufgestanden (und zwar ganz früh), habe es mir beim Frühstück mit Champagner und Lachsschnittchen noch nur so richtig gut gehen lassen und bin dann in die Stadt gefahren und habe es so richtig krachen lassen! Da hat zum ersten Mal seit Jahren mal wieder meine Kreditkarte geglüht und es hat mächtig Spaß gemacht! Allerdings für kleine Konten nicht nachahmenswert, denn es war schon eine ganze Menge, was da über den Tresen gegangen ist. Aber ganz egal, jeder Cent war es wert. Es war einfach Klasse sich in fetzige Fummel zu werfen und vor dem Spiegel zu posieren und in Gedanken zu schwelgen, wie ich damit die Männerwelt endlich mal so richtig auf Kopf stelle. Außerdem habe ich überlegt, dass ich heute Abend mal wieder so richtig auf den Putz haue! Heute werde ich mich nach langer Zeit mal wieder unter Leute trauen, mich in mein Stammlokal begeben. Habe eine Freundin angerufen, die mitkommt und mit der ich schon zu Schulzeiten auf Männerfang gegangen bin und ich denke heute könnte es wieder einmal klappen, dass ich in starke Arme falle, um mich an eine starke Schulter anzulehnen. Und wisst ihr was?: auch wenn es nur für einer Nacht sein sollte – dies mal ist es mir egal…
Das neue Jahr ist nun schon wieder zwei Tage alt und trotzdem fühlt es sich an wie das alte. Die Wohnungssuche stockt ebenso wie meine Liebesbemühungen um Paul. Die haben natürlich nach diesem katastrophalen Silvesterabend einen herben Dämpfer erlitten. Da ich Paul kenne und weiß dass er stur ist, weiß ich auch, dass er von sich aus sich nicht melden wird. Er wartet jetzt auf eine Entschuldigung von mir, dafür dass ich ihn ziemlich derbe behandelt habe. Wobei ich immer noch nicht weiß, ob er das nicht alles provoziert hat. Denn musste Mr. Oberschlau nach meiner Verletzung auf dieses Austernmesser hinweisen, hätte er nicht einfach helfen können und zu mir sagen können „Schatzi, das ist doch viel zu gefährlich. Mach‘ es beim nächsten mal bitte mit einem Austernmesser“, nachdem meine blutende Wunde versorgt hat? Nein! Er musste mich kritisieren und das zeigt mir wohl, dass er nicht dasselbe für mich empfindet, was ich für ihn fühle. Deshalb glaube ich, dass unter diese Sache endgültig ein Schlussstrich gehört wie unter das alte Jahr. Immer noch starre ich teilweise minutenlang mein Handy an und überlege, ob ich nicht den ersten Schritt machen sollte. Doch je länger ich überlege, desto besser erscheint es mir, dass ich es nicht tun sollte und stattdessen versuchen sollte Paul aus meinen Kopf zu verscheuchen. Aber wenn das bloß so einfach wäre –Gefühle kann man nun mal nicht abschalten. Aber ich muss es versuchen und der werde jetzt andere Prioritäten setzen, mich in meine Wohnungssuche stürzen und vielleicht finde ich in einem neuen Umfeld ja auch neue Ansätze für eine neue Liebesbeziehung…
Heute melde ich mich erst sehr spät. Schließlich war gestern Silvester. Draußen hat es wieder mächtig geknallt. Von wegen Brot statt Böller. Was da wieder in den Himmel gejagt wurde – unfassbar! Geknallt hat es auch zwischen mir und Paul! Leider nicht so, wie ich mir das vorgestellt hatte. Alles hätte so schön werden können: Champagner, Austern, leckere Knabbereien, Käse und ein teurer Rotwein. Alles war toll vorbereitet für eine harmonische Feier, bei der man sogar die klitzekleine Hoffnung haben konnte, dass man am Ende Zärtlichkeiten austauscht – mindestens. Aber stattdessen hatte ich schon beim vorbereiten der Austern das eine oder andere Glas Champagner zu viel getrunken, da Paul noch gar nicht da. Schließlich passierte, was passieren musste: ich habe mir mit dem Küchenmesser die Hand aufgeschlitzt. Als Paul dann kam, hatte er nichts Besseres zu tun, als nach einem Austernmesser zu fragen: „Wie kannst Du dem bloß so blöd sein und mit einem Küchenmesser die Austern öffnen?“ Da hatte ich schon den Kaffee auf und keine Lust mehr auf eine Silvesterfeier mit Paul. Ich schrie ihn an: „Hast Du eigentlich nichts Besseres zu tun als mich in dieser Situation zu kritisieren? Ich blute wie ein Schwein!“ Paul merkte, dass ich mächtig angezickt war. Er half mir noch die Wunde zu verbinden, um danach meine Wohnung wieder zu verlassen. Ich schmiss ihm noch das blutende Handtuch hinterher und die Worte: „Lass Dich hier nie wieder blicken!“ Dann habe ich drei Flaschen Champagner alleine getrunken und die Austern gleich in die ewigen Jagdgründe geschickt, bevor ich die Knabbereien noch mit zwei Flaschen Rotwein runterspülte. Mein Kopf brummt immer noch. Ich starre auf mein Handy und überlege, ob ich Paul eine SMS schreibe…
Die Zeit rennt und rennt und rennt. Das alte Jahr ist es fast vorüber und ich überlege die ganze Zeit, welches Fazit ich für 2008 ziehen soll. In der Liebe war es mal wieder ein verschenktes Jahr, doch das kann sich vielleicht heute noch ändern, wenn ich mit Paul Silvester feiere. Aber da ich schon so viel in diese Gefühle investiert habe, möchte ich mich dahingehend auch nicht so weit aus dem Fenster lehnen. Vielmehr will ich jetzt alles auf mich zukommen lassen, sonst bin ich am Ende wieder so enttäuscht. Ich versuche mich die ganze Zeit fallen zu lassen und mich von dem Druck zu befreien, dass das heute mit Paul unbedingt klappen muss. Der Champagner ist kalt, die Austern kühlen vor sich hin und auch Chips und andere Knabbereien warten nur darauf, endlich angerührt zu werden. Vielleicht knabbert ja auch Paul später noch an mir herum…Ach was. Immer diese Wunsch-Gedanken. Wahrscheinlich wird die Realität wieder ganz anders, grau und trist aussehen. Aber selbst wenn – 2009 muss einfach besser werden. Beruflich war das Jahr ja eigentlich ganz hervorragend für mich. Aber was nützen einem Ruhm er und Geld, wenn man den Partner fürs Leben nicht gefunden hat, wenn ich einmal 60 bin und weißhaarig, verdattert, verkalkt, vergreist und voller Falten im Gesicht in einem brüchigen Schaukelstuhl sitze, aus dem Fenster schaue und einem Spatzenpaar zusehe, das sich liebt und neckt und ich bin immer noch alleine – da nützt mir doch die ganze Kohle der Welt nichts. Heute war wieder so ein schöner Tag, knisternd kalt und Sonnenschein pur. Wie schön hätte man da spazieren gehen können, Arm in Arm, an eine starke Schulter angelehnt. Sind Träume denn immer Schäume?! Jetzt werde ich mal eine erste Probeauster öffnen, und wenn ich mich schneide, kann Paul mich ja verarzten…